| FESTIVAL GRAFIK AUF DER STRASSE, FONTENAY-SOUS-BOIS, FRANCE. Seit 16 Jahren offeriert die Stadt Fontenay sous bois im Süden von Paris Künstlern aller Disziplinen und aller Nationalitäten öffentliche Freiräume. 1992 wurde diese Initiative um die Einladung an die französische Grafikerwelt erweitert. Seither entstanden jährlich grossformatige Plakate zum Thema Stadt, die auf den städtischen Anschlagtafeln angebracht wurden. Seit diesem Jahr wendet Grafik auf der Strasse sich an die europäischen Kunst- und Designhochschulen. Den Anfang macht die Kunsthochschule Berlin-Weissensee. Die vorgegebene Thematik ist das menschliche Miteinander in den Städten.Eine neue Bewertung der sieben Todsünden soll das Nachdenken darüber herausfordern. Die sieben Todsünden (Übersetzung der frz. Begriffe, genommen werden sollten nur die Begriffe, die für die 7 Ts stehen) Der Geiz, die Knauserei Der Zorn, die Wut, der Ärger Der Neid, die Missgunst Die Schlemmerei, die Naschhaftigkeit Die Hemmungslosigkeit, die Sinnlichkeit, die Wollust, die Unzucht Der Stolz, der Hochmut, der Dünkel Die Faulheit, die Trägheit, die Langsamkeit »Alles, was gut ist, ist entweder verboten oder macht dick.« Wir hätten natürlich direkter betiteln können:« z.B: »Zusammenleben in der Stadt«. Oder poetischer:«über die Alices in den Städten«. Oder ernsthaft:« Beziehungs-Schwierigkeiten zwischen Stadt- und Vorortbewohnern«. Oder »die Erfindung der idealen Stadt«. Oder:«das Glück?«...Wir haben uns für das Imbroglio der sieben Todsünden entschieden, die im französischen nur kapital sind. La luxure, la paresse...sind Janus-Begriffe, die -genauso wie die Tugenden- seit jeher das Zusammenleben zwischen Menschen geprägt haben. Im Guten wie im Schlechten. Zum Beispiel la paresse: in unseren hyperaktivistischen Gesellschaften ist die paresse schon fast ein Delikt. Sie sind ein Parasit, Sie ruhen sich auf dem Rücken der Anderen aus, Ihre Nichtstuerei schadet der Gesellschaft. Andererseits wünschen sich viele Menschen einen Zustand von paresse. Gibt es einen schöneren Traum als den vom Paradis des absoluten und glücklichen Nichtstun? Unser Workshop, den wir seit zwei Jahren durchführen, eröffnet das Wintersemester. Er findet in einem ehemaligen Gutshaus in Brandenburg, nicht weit von der polnischen Grenze entfernt, weit weg von den Turbulenzen der Metropole statt. Neben den Studenten des Haupstudiums der visuellen Kommunikation können sich, wenn noch Platz ist, auch interessierte Studenten der anderen Fachgebiete und Gaststudenten einschreiben. Da der Workshop nur eine kurze Woche dauert,kann man nicht unbedingt perfekte graphische Lösungen verlangen. Weder von der Sinngebung her, noch von der Bewältigung der Formprobleme. Er ist eher eine art mentales und bildnerisches Aufwärmen und fördert das gegenseitige sich Kennenlernen. Die Präsentation der Projekte am letzten Tag war diesmal (2003) auch eine Art Vorjurierung. Unter den 35 mehr oder weniger auf den Punkt gebrachten Plakatvorschlägen haben wir 15 ausgewählt, an denen die Studenten dann weiterarbeiteten. Gegen Ende des Semesters traf abschliessend eine aus den Organisatoren des »graphisme dans la rue«, Philippe und Evelyne Chat, den international bekannten Grafikern Henning Wagenbreth und Andreas Töpfer und der Meisterschülerin Simone Wanner zusammengesetzte Jury die entgültige Auswahl . Im Fall von »la luxure« und »orgueil« gab es viele gute Vorschläge. Aber von den für »la paresse« eingereichten Vorschlägen konnte keiner die Jury überzeugen. Zuerst wurde deshalb der Vorschlag gemacht, »la paresse« auf das Papier, auf die Anschlagswände zu übertragen, d.h., nichts zu drucken, weisses Papier zu kleben. Die andere Möglichkeit war, »la paresse« neu auszuschreiben. So wurde dann auch verfahren. Matthias Gubig, Alex Jordan* Ps.: Es ist wichtig, zu erwähnen, dass der Workshop nicht nur von den Professoren »animiert« worden ist sondern auch durch Schweizer Studenten und vor allem auch durch drei französische Gaststudentinnen, die direkt aus Paris und Strassburg ins »Gutshaus« gekommen sind. Ihre Kenntnisse der Spezifizität der französischen Verhältnisse -nicht nur in den Vororten- waren für den Realitätsbezug des Workshop ein wichtiges »Detail«. Die Autoren der Plakate sind: Axel Watzke (Geiz) Dirk Dassow (Neid) Simone Schöler (Zorn) Marcella Mehrholz (Schlemmerei) Ute Radler (Wollust) Camille Gallet/ Cérise Lichtle (Stolz) Alexander Fuchs (Faulheit) Der Jury lagen zudem die Plakatentwürfe von Anja Büchner, Dorothée Dupuis, Coletta Ehrmann, Rodja Galli, Jakob Gleisberg, Nina Lehmann, Anja Nitz, Ulrich Scheel und Frederike Wagner vor. Elftes Festival »Grafik auf der Strasse« vom 15. Juni bis 5. Juli 2004 Fontenay sous bois, France Vernissage Dienstag, den 15. Juni ab 18 Uhr École darts plastiques, 20 rue Dalayrac Öffentliche Plakatierung in der ganzen Stadt |